Wissenschaftlicher Projektansatz

 

Auswahlkriterien für Pilotregionen

 

Es wurden bewusst 5 Regionen mit unterschiedlichen Standortverhältnissen, Eigentumsarten, Wildvorkommen und Jagdbesitzen ausgesucht. Es sollen Regionen mit einem Waldanteil von über 30 % sein, damit die besondere Situation kleiner Feldgehölze ausgeschlossen wurde. Die zusammenhängenden Waldflächen sind so groß, dass die Wirkungen einer eigenständigen Bejagungsstrategie auch nachprüfbar sind. Wesentliche Kenngrößen der fünf ausgewählten Pilotregionen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

 

   Pilotregion

Dominierende Wald-gesellschaft / Baumarten

Waldfläche im Projekt

Anzahl Weiserflächen

Anzahl Jagdreviere

  Baden-Württemberg

Bergmischwald mit Weißtanne

8.500 ha

83

33

  Nordrhein-Westfalen

Fichtenforste

4.900 ha

50

17

  Saarland

Hainsimsen-Buchenwald mit Traubeneiche

3.000 ha

30

6

  Sachsen-Anhalt

Kiefernforste und Hainsimsen-Buchenwald

8.700 ha

73

13

  Thüringen

Waldgersten-Buchenwald mit Edellaubholz

700 ha

12

2

  Gesamt  

25.800 ha

248

71

 

Auswahl von Weiserflächen

 

Um flächenrepräsentative Aussagen treffen zu können, wurden in jeder Pilotregion Weiserflächen eingerichtet, die aus einem Weisergatterpaar (eine gezäunte und eine nicht gezäunte Fläche) bestehen. Die Auswahl der Weiserflächen erfolgte mittels eines objektiven zweistufigen Verfahrens. Zunächst wurde die Verjüngungswahrscheinlichkeit, basierend auf Waldinventurdaten (siehe Kolo et al. 2017) ermittelt. Die Berechnung einer hohen Verjüngungswahrscheinlichkeit für potentielle Versuchsbestände stellte sicher, dass diese Wälder aufgrund ihres Alters und sonstiger Charakteristika tatsächlich Bestände sind, bei denen mit hoher Wahrscheinlichkeit Verjüngung zu erwarten ist. Die Berechnung der Verjüngungswahrscheinlichkeit erfolgte für ein 200 x 200 Meter-Raster über die gesamte BioWild Flächenkulisse von ca. 25.800 Hektar Wald.

 

WG_Buchenaltholz_WtaFi_Beimischung_St. Schneider_2016_Rehsiepen 

Weisergatter Buchenaltholz

Foto: Stefan Schneider

 

Im zweiten Schritt wurden die Rasterpunkte, angefangen bei dem mit der rechnerisch höchsten Verjüngungswahrscheinlichkeit in absteigender Reihenfolge des Rankings im Wald aufgesucht und bei Eignung zur Einrichtung eines Weisergatterpaars (möglichst gleiche standörtliche und vegetationskundliche Ausgangsbedingungen auf beiden Teilflächen – siehe Flyer Vegetationsaufnahmen – als Untersuchungsflächen ausgewählt. Die Entscheidung, welche der beiden Teilflächen gezäunt wurde, erfolgte durch Zufallsauswahl. Folgende Punkte charakterisieren die Weiserflächen und die dort erfolgenden Aufnahmemethoden:

 

  • Über die Pilotregionen repräsentiert ein Weisergatterpaar im Mittel ca. 100 Hektar Waldfläche, wobei auch in kleineren Jagdrevieren (< 100 ha Wald) mindestens ein Weisergatterpaar errichtet wurde.

  • Es wurden insgesamt 248 Weisergatterpaare in den fünf Pilotregionen, bestehend aus einer gezäunten und einer ungezäunten Aufnahmefläche à 100 Quadratmeter, angelegt.

  • Der Zaun dient als Filter zur Quantifizierung des Schalenwildeinflusses auf die krautige und holzige Vegetation. Alle anderen Ausgangsbedingungen (Lichtverhältnisse, initial vorhandene Verjüngungssituation, Hangneigung etc., siehe oben) müssen auf den gezäunten und ungezäunten Flächen weitestgehend identisch sein. Für die bislang bereits gemessenen und verglichenen Licht-, Überschirmungs- und Verjüngungsverhältnisse konnte mit Paartests bestätigt werden, dass es keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Ausgangssituation gibt.

  • Die Zäune schließen nicht nur das Schalenwild aus, sondern wurden aus verschiedenen Gründen auch hasensicher angelegt. Hasenverbiss (und andere abiotische und biotische Einflüsse auf die Verjüngungspflanzen) wird getrennt von Einflüssen des Schalenwilds erfasst, und nicht eindeutig identifizierbarer Verbiss wird nicht dem Schalenwild zugerechnet.

  • Es finden jährliche Wiederholungsaufnahmen auf den Weiserflächen statt. Hierbei werden u. a. folgende Parameter erfasst:

    • Krautige (Gefäßpflanzen und Moose) und holzige Vegetation in getrennten Schichten (Baum-, Strauch-, Kraut- und Moosschicht) nach Pflanzenart und Deckungsgrad.

    • Alt- und Neuverbiss bzw. biotische und abiotische Schädigungen an verholzten Pflanzen (außer Zwergsträucher).

    • Außerdem erfolgen eine einmalige Entnahme und Analyse von Bodenproben sowie wiederholte Lichtmessungen zur Feincharakterisierung der Standorte.

    • Auf den Versuchsflächen finden zusätzlich wiederkehrende Aufnahmen der vertikalen Struktur zur Charakterisierung des Schalenwildhabitats („Deckung“) statt.Basierend auf den Vegetationsdaten werden außerdem die Äsungsbedingungen in den Schalenwildlebensräumen quantifiziert.

 

Wildtiermanagement in den Pilotregionen

 

Drei Jagdstrategien finden im Rahmen des BioWild-Projekts auf Wunsch der beteiligten Inhaberinnen und Inhaber des Jagdrechtes (= Waldeigentümer / Waldbesitzer) Anwendung:

  • Jagdregime A (auch als Jagdregime HUW (Habitat Unangepasst hohe Wildbestände) bezeichnet): Bevorzugung eines dem Habitat unangepasst hohen Wildbestands. Hieran soll während der Projektlaufzeit nichts geändert werden. Die Jagd soll weiter wie bisher ausgeübt werden.
  • Jagdregime B (auch als Jagdregime HAW (Habitat Angepasste Wildbestände) bezeichnet): Bei dieser Jagdvariante wurde die Anpassung der Schalenbestände an die Zielstellung der Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer bereits vor Projektbeginn umgesetzt. Auch hier soll die Jagd während der Projektlaufzeit weiter wie bisher ausgeübt werden.
  • Jagdregime C (auch als Jagdregime HZW (Habitat anZupassende Wildbestände) bezeichnet): Mit dieser Variante wünscht sich die Waldbesitzerin / der Waldbesitzer, dass eine Änderung des Jagdregimes im Verlauf des Projekts zu Habitat angepassten Schalenwildbeständen führt. Das soll durch bessere Nutzungen von gegebenen Erlegungsmöglichkeiten im Zuge der Jagd- und Erlegungszeitensynchronisation bei gleichzeitiger Beruhigung der Wildbestände durch Jagdruhezeiten von mindestens vier Monaten erfolgen. In diesen Gebieten soll das Naturverjüngungspotenzial von Waldbäumen erhöht werden, wodurch sich in den meisten Fällen auch das Nahrungsangebot und die Deckung für das Wild verbessern würde. Dieses Jagdregime findet ausschließlich auf Flächen statt, die Wald im Sinne der jeweiligen Waldgesetze sind. Die Jagdruhezeiten in dieser Variante beziehen sich auf den Spätwinter und die Setz- und Aufzuchtzeiten. Die Vorgaben des § 22 Abs. 4 des Bundesjagdgesetzes sind in allen Jagdregimen entscheidende Grundlagen für die Jagdausübung und uneingeschränkt einzuhalten.

 

Das Monitoring der Jagdstrecken erfolgt in allen Jagdrevieren durch schriftliche Erlegungsnachweise oder auf der Basis einer Onlineplattform. Dabei wird jedes erlegte Stück Schalenwild, aber auch Fallwild durch die Jagdausübungsberechtigen nach standardisierten Parametern erfasst.

 

Das jeweilige Jagdregime wurde durch die Inhaberinnen und Inhaber des Jagdrechts zu Projektbeginn für die Projektdauer festgelegt. Konkrete Vorgaben für die Jagdausübungsberechtigten hinsichtlich der durchzuführenden Bejagung (z. B. wann was wie zu bejagen ist) gibt es von Projektseite nicht, die Waldbewirtschaftungsziele der Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer sind jedoch Grundlage für die Bejagung durch die Jagdausübungsberechtigten. Weitere Informationen zur Jagdausübung finden sich hier, grundlegende Informationen und Hintergründe zum Jagdregime C gibt es außerdem hier.

 

Durch die Evaluierung der Vegetationsentwicklung erhalten die Wald- und Wildbewirtschafterinnen und -bewirtschafter eine objektive Einschätzung zum Zustand der krautigen und holzigen Vegetation. Um aus den Untersuchungsergebnissen auch auf größere Fläche übertragbare Aussagen ableiten zu können, werden außerdem Modelle berechnet, die die wesentlichen Ökosystemdienstleistungen des Waldes, insbesondere den Holzertrag und Parameter wie Artenvielfalt, Ökosystemstabilität, Kohlenstoffspeicherung bzw. Trinkwasserspende berücksichtigen.

 

Kommunikationsansatz im BioWild-Projekt

 

Das BioWild-Projekt zeichnet sich durch einen proaktiven Kommunikationsansatz aus. Wichtige Anspruchsgruppen in den Pilotregionen wurden frühzeitig über die Ziele des Projekts unterrichtet und fortlaufend zu den Projektergebnissen informiert. Sozialwissenschaftliche Interviews und Internetrecherche unterstützen die Projektkommunikation dabei, die wichtigen Themen vor Ort, die wesentlichen Zielgruppen (Waldbesitzer, Jagdausübungsberechtigte) sowie ihre Einstellung gegenüber dem BioWild-Projekt zu erfassen. Auf diese Weise werden die Grundlagen dafür gelegt, wie die Zielgruppen besser kommunikativ erreicht werden können, um so die Ziele des BioWild-Projekts effektiver umsetzen zu können.



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